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Full text of "Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze"

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^a^-s^ 



üb 



er 



Begriff und Begründung 



der 



sittlichen Gesetze. 



Von 



Eduard Zeller. 



Aus den Abhandlungen der König] . Preufs. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 

vom Jahre 1882. 

Gelesen in der Gesammtsitzung vom 14. December 1882 
[Sitzungsberichte St. LI. S. 1075]. 



Berlin 1883. 

Verlag der Königlichen ALkademie der Wissenschaften. 

^Verlag«fafi20ii^a]l4üug) 



Zum Druck eingereicht am 14. D^cember 1882, ausgegeben am 18. Januar 1883^. 






W 



^ T fie es das eigene Wollen und Handeln der Menschen ist, aus 

; <lem sich ihnen die Vorstellung von Ursachen und Wirkungen ursprüng- 

lich ergeben hat^), so ist auch der Begriff der Gesetze, nach denen die 
wirkenden Ursachen sich richten, zunächst von denen abstrahirt, die das 
menschliche Handeln zu regeln bestimmt sind. Alle die Ausdrücke, welche 
in den verschiedensten Sprachen unserem „Gesetz*^ entsprechen, bezeich- 
nen ursprünglich ebenso, wie dieses Wort selbst, ein positives Gesetz, 
eine Norm des Handelns, die von gewissen Personen festgesetzt ist. Wird 
diese Norm auf einen menschlichen Willen zurückgeführt, so erhalten wir 
das bürgerliche Gesetz, mit Einschlufs alles dessen, was Sitte und Gewohn- 
heit mit sich bringen, jener ^ungeschriebenen Gesetze", die noch weit 
früher, als die geschriebenen, das menschliche Gemeinleben ordnen; wird 
sie von einem aufsermenschlichen Willen hergeleitet, so betrachtet man 
sie als ein göttliches Gesetz, das dem Menschen theils durch besondere 
Offenbarungen, theils in seinem eigenen Bewufstsein und der daraus fol- 
genden allgemeinen Anerkennung verkündigt ist. Aber in dem einen wie 
in dem anderen Falle bezieht sich das Gesetz seinem Inhalt nach nur auf 
das Thun und Lassen der Menschen; und ebenso gründet sich in beiden 
seine verbindende Kraft nur auf den Willen des Gesetzgebers: ein Gesetz 
ist, was das Gemeinwesen verlangt oder die Gottheit befiehlt. 



1) M. vgl. hierüber meine Vortr. u. Abhandl. II, 37 f. 527. 

1 



4 Z£LL£R: 

Zunächst der Begriflf der göttlichen Gesetze war es nun, welcher 
zuerst zu dem der Naturgesetze hinüberleitete. Diejenigen Normen des 
Handelns, welche nicht blos für die Angehörigen einer gegebenen Gesell- 
schaft im Verhältnifs zu ihr und ihren Mitgliedern, sondern für alle Men- 
schen und allen gegenüber gelten sollten, wie die Heilighaltung des Eides, 
die Pflichten der Gastfreundschaft, der Barmherzigkeit, des Edelmuths 
gegen Hülflose und Schwache — diese Anforderungen konnte man nicht 
von dem Willen einzelner Völker oder Fürsten herleiten, da man sie Überall 
anerkannt sah; sie liefsen sich nur auf den Willen der Gottheit zurück- 
führen. Fragte man aber, wie dieser Wille den Menschen bekannt ge- 
worden sei, so konnte man aus demselben Grunde nicht an eine von 
jenen positiven Offenbarungen denken, auf die man bald nur einzelne 
gottesdienstliche Einrichtungen und Stiftungen oder einzelne Satzungen 
des bestehenden Rechts, bald auch, wie bei den Juden und andern Orien- 
talen, den ganzen Bestand der religiösen und bürgerlichen Gesetzgebung 
zurückführte; sondern diese Klasse göttlicher Gesetze mufste allen Men- 
schen und Völkern von Natur bekannt, sie mufste ihnen in ihrem eigenen Be- 
wu&tsein, in der Stimme ihres Innern geoffenbart sein. So erhielt man 
den Begriff göttlicher Gesetze, welche trotz ihres höheren Ursprungs doch 
für den Menschen, vermöge der Art ihrer Mittheilung, zugleich Gesetze 
seiner eigenen Natur sein sollten. In diesem Sinn bezeichnet z. B. Em- 
pedokles (b. Arist, Rhet. 113. 1373 6 14) das Verbot, lebende Wesen 
zu tödten, als ein Gesetz für alle, das sich soweit erstrecke, als das Son- 
nenlicht und der unermefsliche Luftraum, und bei Sophokles beruft sich 
Antigone auf die ungeschriebenen und unerschütterlichen Satzungen der 
Götter, die nicht erst seit gestern und heute, sondern von jeher gelten, 
„und niemand weifs, seit wann sie geoffenbart sind*^.^) Noch näher rückt 
aber Heraklit den Begriff des göttlichen Gesetzes dem des Naturgesetzes 
in dem bekannten Wort (Stob. Floril. III, 84): „Es nähren sich alle 
menschlichen Gesetze von Einem, dem göttlichen; denn dieses herrscht 
so weit es will, und ist stark genug für alle und ihnen überlegen'^. Hier 
ist das göttliche Gesetz nicht blos eine Norm für das menschliche Han- 
deln, sondern es fällt zugleich mit der allgemeinen Weltordnung zusammen, 

Antig. 450 ff. Ähnlich Oedip. R. 465 f. 



TJbei' Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 5 

welche von Heraklit auch mit dem verwandten Namen der Dike bezeich- 
net wird. Indessen dauerte es noch lange, bis man sich an den Begriff 
eines Naturgesetzes gewöhnt, und noch weit länger, bis man aus diesem 
Begriff alle die Vorstellungen ausgeschieden hatte, welche ihm von seiner 
ursprünglichen Bedeutung her anhafteten, zu der neuen aber nicht pafs- 
ten. Wenn die Männer der sophistischen Periode den Nomos und die 
Physis, das Gesetz oder Herkommen und die Natur der Dinge, als unver- 
söhnliche Gegensätze behandeln, so schliefst diefs eigentlich die Vorstellung 
solcher Gesetze, die zugleich Naturordnung sind, aus. Diefs thun aber nicht 
blos jene skeptischen Aufklärer, an die man seit Plato bei dem Namen 
der Sophisten zunächst denkt, ein Hippias, ein Eallikles, ein Thrasyma- 
chus,^) sondern das gleiche begegnet uns auch bei anderen in jener Zeit; 
so bezeichnen Empedokles und Demokrit die herkömmlichen und im 
Sprachgebrauch befestigten Vorstellungen, die sie bekämpfen, als „ Nomos ^, 
und der Verfasser der pseudo-hippokratischen Schrift „Ober die Diät^ 
sagt trotz seiner sonstigen vielfachen Anlehnung an Heraklit, ohne zwi- 
schen dem menschlichen und dem göttlichen Gesetz zu unterscheiden: 
„das Gesetz und die Natur stimmen nicht überein, wenn auch (in man- 
chem) übereinstimmend; denn das Gesetz haben die Menschen gegeben, 
ohne das zu kennen, wofür sie es gaben, die Natur aller Dinge dagegen 
haben die Götter geordnet. '^ 2) Auch diejenigen Philosophen, welche Na- 
turgesetze im Sinn des heutigen Sprachgebrauchs anerkennen, pflegen sie 
doch nicht als solche zu bezeichnen. Demokrit z. B. hat es mit grofser 
Entschiedenheit ausgesprochen, dafs es nichts zufälliges gebe, sondern al- 
les seinen nöthigenden Grund habe; aber er redet nicht von Naturge- 
setzen, sondern nur von der Nothwendigkeit alles Geschehens:^) das Ge- 
setz stellt er, wie bemerkt, der Natur der Dinge entgegen. Ebenso wird 
bei Plato und Aristoteles zwar die Nothwendigkeit, welcher die Vor- 
gänge in der Natur unterliegen, mit aller Entschiedenheit hervorgehoben, 
wenn sie dieselbe auch allerdings der Zweckthätigkeit der Natur unter- 
ordnen und nur das von ihr beherrscht sein lassen, was den Natur- 



M. vgl. über diese meine Phil. d. Gr. I, 1005 flf. 

2) A. a. O. I, 685, 1, Schi. 772, 1. 635 u. 

3) A. a. O. I, 789 f. 



6 Zeller: 

zwecken als unerläXsliche Bedingung ihrer Verwirklichung dient. ^) Aber 
sie stellen diese Nothwendigkeit gleichfalls nicht als „Gesetz^ der Natur 
dar; dieser Name wird vielmehr von ihnen ausschlieüslich den Normen 
des Handelns vorbehalten, und nur unter den letzteren unterscheiden sie 
(z. B. Ar ist. Rhet. I, 13 Anf.) in herkömmlicher Weise zwischen den be- 
sonderen Gesetzen der einzelnen Staaten, die selbst wieder theils geschrie- 
bene theils ungeschriebene sind, und dem gemeinsamen Gesetz der Natur, 
der allen eingeborenen Ahnung (^^ßavrevovTai^) des Rechts und Unrechts. 
Nur auf dieses geraeinsame Gesetz gründet es sich, dafs jeder Mensch 
mit jedem, auch ohne positive Gemeinschaft und Verabredung, in einem 
natürlichen Rechtsverhältnifs steht, oder wie diefs Theophrast noch be- 
stimmter ausdrückt, dafs alle Menschen sich wegen der Gleichartigkeit 
ihrer Natur als verwandt und zusammengehörig zu betrachten haben.^) 
Aber dieses „Gesetz" der Natur ist eine in der menschlichen Natur lie- 
gende praktische Anforderung, nicht eine das Wirken der Naturkräfte be- 
herrschende Nothwendigkeit, ein allgemein gültiges Sittengesetz, nicht 
das, was der heutige Sprachgebrauch unter einem Naturgesetz versteht. 
Wenn sich Aristoteles einmal diesem unserem Sprachgebrauch nähert,^) 
unterläfst er es nicht, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dafs nur im un- 
eigentlichen Sinne von einem „Gesetz" der Natur gesprochen werde. 

Erst der Stifter der stoischen Schule war es, durch welchen der 
Begriff des Gesetzes als Ausdruck für die Naturordnung üblich wurde; 
<3enn bei seinem Zeitgenossen Epikur findet sich diese Bezeichnung noch 
nicht; je entschiedener er vielmehr mit seinem Vorgänger Demokrit an 
dem Grundsatz einer streng mechanischen Naturerklärung festhält und 
die Zweckthätigkeit der Natur so gut wie die Betheiligung der Gottheit 
an der Welteinrichtung und dem Weltlauf abweist, um so weniger Ver- 



1) A. a. O. II a 642 f. b 331 f. 

2) Arist. a. a. O. und Eth. N. VIII, 13. 1161 b 5. Theophr. b. Porph. De 
abst. III, 25. Phil. d. Gr. II b 865. 

3) Es geschieht diefs aber, so viel ich sehe^ nur De coelo I, 1. 268 a 13. Nach- 
dem Arist. hier bemerkt hat, alles sei in Anfang, Mitte und Ende, und somit in der Drei- 
zahl beschlossen, fugt er bei: „daher bedienen -wir uns auch beim Kultus dieser Zahl, 
indem wir, so zu sagen , von der Natur ihre Gesetze überkommen ,^ d. h. ihr Verfahren 
uns zum Muster genommen haben (Treten Tr,9 (pvTBUJ9 £iXt}(f>orep tuo'nig vofxovg Iffsivr^g), 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 7 

anlassung hatte er, fQr die Nothwendigkeit , welche die Bewegung und 
Vertheilung der Atome bestimmt, einen Namen zu wählen, der die Na- 
turordnung als das Werk eines befehlenden Willens, einer weltbildenden 
Intelligenz, erscheinen liefs. Anders verhält es sich in dieser Beziehung 
mit der stoischen Lehre. Dieses System behauptet zwar die Nothwendig- 
keit alles Geschehens, die Unverbrüchlichkeit der Naturordnung, grund- 
sätzlich noch viel entschiedener, als Epikur, der dieselbe durch seine 
Annahme über die willkürliche Declination der Atome und die unbe- 
schränkte Wahlfreiheit des Menschen an einigen von den wichtigsten Stel- 
len wieder durchlöchert; aber indem es alles in der Welt auf Eine letzte 
Ursache zurückführt und diese Ursache nicht blos als die materielle Sub- 
stanz der Dinge, sondern zugleich auch als die schöpferische Kraft und 
Vernunft fafst, erscheint ihm die Verkettung der natürlichen Ursachen, 
die Naturnothwendigkeit oder das Verhängnifs, nur als das Mittel, durch 
welches die weltschöpferische Vernunft ihre Zwecke verwirklicht, die ganze 
Weltordnung und alle die Bestimmungen, auf denen sie beruht, stellen 
sich als der Wille jener Vernunft, als das Gesetz dar, das sie gegeben 
hat,^) sie selbst heifst das natürliche Gesetz,^) und wenn anderwärts statt 
der Vernunft die Natur als die Gesetzgeberin dargestellt und von den 
Naturgesetzen gesprochen wird, denen alles gehorche, und denen auch 
der Mensch sich zu fügen habe, so kann diefs nur defshalb geschehen^ 
weil die Natur, ihrem Innern Wesen nach betrachtet, mit der Weltver- 
nunft oder der Gottheit zusammenfällt.^) In diesem Sinne wird von Zeno 
gesagt, er habe das Naturgesetz für ein göttliches Gesetz erklärt;^) das 
„gemeinsame Gesetz^ wird in der Vernunft gefunden, die alles durch- 
dringe, und die ihrerseits nichts anderes sei, als Zeus, der Beherrscher 



1) Vgl. Phil. d. Gr. III a 157 f. 

^) Arius Didymus b. Easeb. pr. ev. XV, 15,2: Die Menschen stehen nach 
stoischer Lehre in Gemeinschaft, htä ro T^yoit fisri'/jstu, og im <pvTei votxog. 

^) Quid enim aliud est natura quam Dem et divina ratio toti mundo et partibtu 
^us in$erta^ Seneca Benef. IV, 7, 1. 

*) Gic. N. D. I, 14, 36; übereinstimmend Derselbe Gff. III, 5, 23 im Sinn der 
stoischen Schale, wahrscheinlich direkt nach Panätius: naturae rati&, qu4xe est lex divina 
et humana. 



8 Zell er: 

der ganzen Weltordnung, ^) und Eleanthes kann defshalb in seinem 
Hymnus (bei Stob. Ekl. I, 30) nicht allein sagen, dafs Zeus alles dem ' 

Gesetz gemäfs lenke, und die sittliche Anforderung sein gemeinsames Ge- 
setz nennen, sondern er kann auch Götter und Menschen auffordern, ihn 
selbst als das gemeinsame Gesetz zu preisen, als das er auch von Ghry- L 

sippus bezeichnet wurde.^) So wird hier Heraklit's Anschauung wieder i: 

angenommen, nach welcher die Gottheit als die Weltvernunft auch das 
Gesetz der Welt ist, wie ja die Stoiker überhaupt in ihrer Physik sich 
möglichst eng an Heraklit anschlössen. Zwischen Natur- und Sittenge- 
setz wird aber hiebei nicht unterschieden:^) da die ganze Sittenlehre 
auf den Grundsatz des naturgemäfsen Lebens gebaut wird, erscheint dctö 
Sittengesetz selbst als das Naturgesetz des menschlichen Handelns; und 
da andererseits der Zweck der Welt nur in den Göttern und Menschen 
gesucht, und im Zusammenhang damit die physikalische Naturerklärung 
von einer oft sehr äufserlichen und kleinlichen Teleologie entschieden zu- 
rückgedrängt wird,^) so gewinnt es trotz des stoischen Determinismus 
doch immer wieder den Anschein, als ob die Naturgesetze selbst in letz- 
ter Beziehung nur auf dem Willen der Gottheit beruhen, der seinerseits 
von der moralischen Rücksicht auf das Wohl der vernünftigen Wesen ge- 
leitet sei. Es ist mit Einem Wort der BegriflF des Naturgesetzes hier noch 
nicht so rein gefafst, dafs es seiner Form und seinem Ursprung nach von } 

einer positiven Gesetzgebung durch den göttlichen Willen, ^seinem Inhalt 
nach von dem Sittengesetz klar und deutlich unterschieden würde. Ge- 
rade die stoische Schule scheint es aber zu sein, aus der dieser Begriff 
in den allgemeinen Sprachgebrauch übergieng.^) Um so natürlicher war 



^) Diog. VIT, 88: 6 vofxog 6 Howog, ogrrs^ tTTiv o o^^og y^yog Sta 7ravTU)v ^^%ofM' 
vog, avTog uav rw Au xa&r,yeixovt tovtw rvjg rwv oXüov SioiKvjTSwg ovTt, ÄbDliches bei Cic. 
Leg. II, 4, 8. 

^) Philodem. tt, sia-sß. S. 81, 7 6. uberCbrys.: tov Atcc vofAov (pvfTiu siirm, Cic. 
N. D. I, 18, 41 über Denselben: idemque etiam legis perpetaae et aetemae virn, quae quctsi 
dux vitae et magistra ofßciorum sit, Jovem dicit esse, eandemque fatalem necessitatem appel- 
iat n. 8. w. 

^) Wie unter anderem die Gleicbstellung des Pflichtgesetzes mit dem Verhäng- 
nifs (vor. Anm.) zeigt. 

*) Vgl. Pbil. d. Gr. m a 171 ff. 

^) Dagegen kann ich aus den im vorstehenden dargelegten Gründen Eucken 



i 



\ 






- 



Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 9 

es, dafs sich die Unklarheit und Unbestimmtheit, in der er von den Stoi- 
kern gefafst worden war, in demselben erhielt; und diese Unklarheit 
wurde im späteren Alterthum und im Mittelalter um so weniger gehoben, 
je vollständiger die naturwissenschaftliche und überhaupt die streng wis- 
senschaftliche Betrachtung der Dinge während dieses Zeitraums der theo- 
logischen gewichen war. Die Gesetze, nach denen die Natur sich richtet, 
erschienen auf diesem Standpunkt ebenso, wie die, nach denen der 
Mensch sich richten soll, als göttliche Gebote, und wenn man auch nicht 
übersah, dafs nur der Mensch die Fähigkeit besitze, diesen Geboten den 
Gehorsam zu verweigern, wurden doch auch die Naturgesetze als posi- 
tive Anordnungen betrachtet, welche der Wille, von dem sie ausgiengen, 
vorkommenden Falls auch aufser Kraft setzen könne. 

Eine reinere und strengere Fassung erhielt der Begrijff der Natur- 
gesetze bei Naturforschern und Philosophen seit dem 16. und 17. Jahr- 
hundert. Unter einem Naturgesetz wird jetzt ein Satz verstanden, wel- 
cher angibt, was unter gewissen Bedingungen immer und ohne Ausnahme 
geschieht; und gerade diese letztere Bestimmung, die ausnahmslose Gel- 
tung der Naturgesetze, ist ihr unterscheidendes Merkmal. Wir kennen 
sie um so vollständiger, je genauer wir einerseits die Bedingungen, unter 
denen gewisse Erfolge eintreten, andererseits diese Erfolge selbst kennen; 
am vollständigsten daher dann, wenn wir beide auf feste mathematische 
Bestimmungen zurückführen können; aber der Charakter eines Gesetzes 
kommt auch solchen Aussagen zu, bei denen diefs nicht der Fall ist, 
wenn sie nur ausnahmslos gültig sind: der Satz, dafs jeder Körper in 
der Luft fällt, wenn er schwerer als die Luft ist, drückt ebensogut ein 
Naturgesetz aus, als die Galilelschen Fallgesetze. Ebenso ist es für den 
Begriff des Gesetzes als solchen gleichgültig, auf welchem Wege wir zur 
Kenntnifs desselben gelangen, ob auf dem induktiven oder dem dedukti- 
ven: die Schwere der Körper kennen wir nur aus der Erfahrung; dafs 
ihr Fall eine gleichmäfsig beschleunigte Bewegung ist, wissen wir nur 

nicht zustimmen, wenn er in seiner lesenswerthen Erörterung über den Begriff des Ge- 
setzes (Gesch. u. Erit. d. Grundbegriffe d. Gegenw. S. 114) die Ansicht äufsert, der 
Ausdruck „Gesetz^ scheine erst bei den Romern vom Gebiet des Handelns auf das Na- 
turgeschehen übertragen worden zu sein, und dieüs finde sich zuerst bei Lucrez V, 57ff. 
vgl. I, 586. II, 302. V, 310. 321. VI, 906. 

Philos.'histor. KL 1882. Abh. IL - .- ;* :\ 2 



^ 



10 Z E L L E R : 

durch Beobachtung und Versuch; das Gesetz der Schwere ist insofern 
lediglich ein empirisches Gesetz, aber trotzdem ist es eines von den all- 
gemeinsten und gesichertsten Naturgesetzen. Wenn sich endlich die Gül- 
tigkeit der Naturgesetze nur unter der Voraussetzung erklären läfst, dafs 
das, was unter gewissen Bedingungen mit ausnahmsloser Regel mäfsigkeit 
eintritt, aus der Beschaflfenheit der wirkenden Ursachen mit Nothwendig- 
keit hervorgehe, dafs zwischen beiden ein mittelbarer oder unmittelbarer, 
jedenfalls aber ein unverbrüchlicher Gausalzusammenhang bestehe, so ist 
doch die Anerkennung eines Naturgesetzes von der Kenntnifs der Ur- 
sachen, auf denen dieser Zusammenhang beruht, unabhängig; es müssen 
vielmehr weit in den meisten Fällen zuerst auf empirischem Wege die 
Gesetze festgestellt, und dann erst kann zu wissenschaftlichen Hypothesen 
über die Ursachen des Geschehens fortgegangen werden. Das aber ist 
allerdings für den Begriff, den man sich von den Naturgesetzen macht, 
nicht gleichgültig, was für eine Art von Causalität es ist, auf die man 
sie zurückführt. Wenn im Mittelalter von Naturgesetzen gesprochen 
wurde, so dachte man dabei, wie bemerkt, nur an positive Gesetze, die 
ihr Urheber jeden Augenblick vorübergehend aufser Kraft setzen könne, 
und die er, wenn er wollte, auch ganz aufheben könnte. Wenn die Stoi- 
ker den ganzen Weltlauf einer deterministischen Nothwendigkeit unter- 
warfen, liefsen sie sich dadurch nicht abhalten, Weissagungen und Wun- 
derzeichen, Opferschau und Sühngebräuche, Traumdeutung und Astrolo- 
gie mit der Behauptung in Schutz zu nehmen, dafs auch dieäe anschei- 
nend wunderbaren Erfolge im Naturlauf begründet seien; und ähnlich 
nahmen später, unter der Voraussetzung eines verwandten Determinis- 
mus, Leibniz und Wolff an, dafs die Wunder im Naturzusammenhang 
selbst präformirt seien. Mögen es nun auch bei beiden in letzter Bezie- 
hung praktische Beweggründe gewesen sein, von denen sie sich zu die- 
sen widerspruchsvollen und mit einem folgerichtigen Determinismus un- 
vereinbaren Theorieen verleiten liefsen i) , so hätte ihnen doch die Unhalt- 
barkeit derselben nicht so leicht entgehen können, wenn sie es mit dem 
Begriff der Naturgesetze strenger genommen hätten. Sobald man sich 



^) M. vgl. hieraber, die Stoiker betreffend, meine Phil. d. Gr. III a 336 f. 345, 
Leibniz anbelangend . meine Gesi^h. d. deutsch. Phil. S. 151 ff. 



Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze, 11 

klar macht, dafs von einer Gesetzmäßigkeit des Naturlaufs nur dann ge- 
sprochen werden kann, wenn unter den gleichen Bedingungen immer die 
gleichen Folgen eintreten, wird man es aufgeben, Erfolge, die jeder na- 
türlichen Erklärung spotten, aus dem Naturzusammenhang hervorgehen 
zu lassen. Aber dieser Zusammenhang war so, wie ihn die Stoiker im 
Begriff des Verhängnisses auffafsten, weniger ein physikalischer, als ein 
teleologischer: das Verhängnifs sollte im Dienst der Vorsehung stehen, 
die Welt um der Götter und Menschen willen gebildet sein. Nicht an- 
ders verhält es sich aber auch bei Leibniz. So entschieden er verlangt, 
dafs in der Körperwelt alles mechanisch erklärt werde, so behauptet er 
doch, die mechanischen Gesetze, und die Naturgesetze überhaupt, beruhen 
auf einer positiven göttlichen Anordnung, die ihrerseits von Zweckmäfsig- 
keitsgi'ünden abhänge. Um die Welt so vollkommen als möglich zu ma- 
chen, soll Gott bei der Weltschöpfung die einfachen Wesen geschaffen, 
jedem von ihnen in seiner Naturanlage die Entwicklung vorgezeichnet, 
ihnen allen die Gesetze gegeben haben, welche zur Erzeugung der besten 
Welt erforderlich waren. Diese Gesetze sind daher nicht an sich selbst 
nothwendig, sondern sie sind diefs nur als die geeignetsten Mittel für 
einen bestimmten Zweck; und defshalb kann der, welcher sie gegeben 
hat, wenn dieser Zweck es erfordert, auch von ihnen entbinden. i) Ge- 
gen solche Folgerungen ist man nur dann gesichert, wenn man in den 
Naturgesetzen den Ausdruck einer Nothwendigkeit sieht, die in der Na- 
tur der wirkenden Ursachen als solcher begründet keine Ausnahme irgend 
welcher Art zuläfst, wie diefe die neuere Wissenschaft im allgemeinen 
voraussetzt, und wie es auch Leibniz eingeräumt haben würde, wenn ihn 
nicht theologische Rücksichten veranlafst hätten, dem Wunderglauben zu- 
liebe die Gonsequenz seines eigenen Standpunkts wieder zu verläugnen. 

Wie verhält sich nun aber zu diesem Begriff der Naturgesetze der 
der sittlichen Gesetze? Im Unterschied von den bürgerlichen Gesetzen 
kommen beide darin überein, dafs sie keine positiven, von Menschen ge- 
gebenen Vorschriften sind, sondern unabhängig von jeder positiven Satzung 



1) So Nouv. Es8. IV, 17, 23 Schi. c. 18, S. 405 Erdm. 482 Gerh. Th^od. Pr6f. 
S. 477 Erdm. § 345 f. Disc. dela coDformit^ u. s. w. § 2 f. 19 f. Vgl. meine Gesch. der 
dtsch. Phil. S. 152 ff. 



12 Zbller: 

durch sich selbst gelten, aus der Natur dessen hervorgehen, worauf sie 
sich beziehen. Aber während die Naturgesetze bestimmen, was unter ge- 
wissen Bedingungen geschehen mufs, und daher auch ausnahmslos ge- 
schieht, beziehen sich alle sittlichen Gesetze auf solches, das geschehen 
soll, von dem aber damit keineswegs schon verbürgt ist, dafs es auch 
geschehen wird. So bestimmt sie sich daher ihrem Ursprung nach von 
den bürgerlichen Gesetzen unterscheiden, so nahe stehen sie ihnen ihrer 
Form nach: sie sind, wie diese, Vorschriften för das Handeln, nicht Be- 
schreibungen eines nothwendigen Geschehens. Diesen Unterschied der 
sittlichen Gesetze von den Naturgesetzen hat kein anderer schärfer be- 
tont, als Kant. Jedes Ding in der Natur, sagt er, wirkt nach Gesetzen; 
vernünftige Wesen aberhaben das Vermögen, nach der Vorstellung der 
Gesetze, nach Principien, zu handeln, sie haben einen Willen. Bestimmt 
nun hiebei die Vernunft (oder, was dasselbe: bestimmt die Vorstellung 
des Gesetzes) den Willen unausbleiblich, so ist dieser ein Vermögen, nur 
dasjenige zu wählen, was die Vernunft für gut erkennt, er ist heilig; und 
für einen solchen Willen gibt es kein Sollen, weil er schon von selbst 
mit dem Gesetz nothwendig einstimmig ist. Bestimmt sie dagegen für 
sich allein den Willen nicht hinlänglich, ist dieser nicht an sich völlig 
der Vernunft gemäfs, ist das objektiv Nothwendige subjektiv zufällig, so 
wird das Gesetz seines Handelns für ihn zu einem Sollen, einem Gebot, 
einem Imperativ; und führt dieses Sollen den Begriff einer unbedingten 
und allgemein gültigen Nothwendigkeit mit sich, wie diefs bei dem Sit- 
tengesetz der Fall ist, so ist es ein unbedingtes Gebot, ein kategorischer 
Imperativ.^) Sofern nun das Sittengesetz nicht dasjenige begründet, was 
geschieht, sondern das, was geschehen soll, selbst wenn es niemals 
wirklich geschieht, nennt es Kant ein „praktisches Gesetz'^.^) Den Inhalt 
dieses Gesetzes bilden aber keine blofsen Regeln der Geschicklichkeit oder 
Rathschläge der Klugheit, sondern Gebote der Sittlichkeit.^) Oder wie 



^) Grundlegung z. Metaph. d. Sitten 2. Ab8chn. Bd. IV, 33 — 38 Hartenst. 
1. Ausg. Ähnlich Krit. d. prakt. Vrn. 1. Th. 1. B. 1. Hptst. § 1. 

2) Grundlegung a. a. O. S. 50. Krit. d. prakt. Vern. 1. Th. 1. B. 1. Hptst. De- 
dactioD d. Grunds. S. 149. Erit d. Urtheilskr. Einl. 

«) Grundlegung^ a. a. O. S. 38 f. 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 13 

Kant auch sagt : ^) der Begriff, welcher in ihm der Causalität des Willens die 
Kegel gibt, ist kein Naturbegriff, sondern ein Freiheitsbegriff, das Sittengesetz 
ist nicht Gesetz einer Natur, welcher der Wille unterworfen ist, sondern einer 
Natur, die einem Willen unterworfen ist, nicht die Objekte sind hier Ur- 
sachen der Vorstellungen , die den Willen bestimmen , sondern der Wille 
soll Ursache von den Objekten sein. Das Sittengesetz unterscheidet sich 
demnach, Elant zufolge, wie alle praktischen Gesetze, von den Naturge- 
setzen durch seine Form, dadurch, dafs es ein Sollen ausdrückt, nicht 
ein Müssen; und es unterscheidet sich von den übrigen praktischen Ge- 
setzen durch seinen Inhalt, dadurch, dafs die Begriffe, durch die der 
Wille sich bestimmen lassen soll, nicht aus der sinnlichen Natur des 
Menschen, sondern aus seiner Vernunft entspringen, und sich nicht auf 
sein sinnliches Wohl, auf die Befriedigung seiner natürUchen Triebe und 
Neigungen, sondern lediglich auf die Erfüllung einer Vernunftforderung 
als solcher beziehen. 

Diesen Bestimmungen Kant's trat Schleiermacher in seiner be- 
kannten Abhandlung: „über den Unterschied zwischen Naturgesetz und 
I Sittengesetz ** 2) entgegen. Schleiermacher sucht hier zu zeigen, dafs das 
Merkmal, durch welches nach Kant die unterscheidende Eigenthümlich- 
keit des Naturgesetzes bezeichnet würde, auch dem Sittengesetz nicht 
fehle, und ebenso dasjenige, welches ihm zufolge die EigenthOmlichkeit 
des Sittengesetzes ausdrückte, auch bei den Naturgesetzen vorkomme. 
Wenn nämlich das Sittengesetz nach Eiint immer gelten würde, gesetzt 
auch, es geschähe niemals, was es gebietet, so sei vielmehr zu sagen, 
dafs das kein Gesetz wäre, dem niemand gehorchte; in Wahrheit aber 
sei jene Achtung für das Gesetz, die Kant allen vernünftigen Wesen zu- 
schreibt,^) eben die Wirklichkeit des Gesetzes, das, wodurch es erst zum 
Gesetz, zum praktischen Antrieb, werde, die Vernunft sei nur praktisch. 



1) Krit. d. Urtheilskr. Einleit. Krit. d. prakt. Vrn. a. a. O. 

3) Gelesen am 6. Jan. 1825; jetzt: Werke Z. Philos. II, 397—417. Ich berück- 
sichtige übrigens hier nur denjenigen Theil ihres Inhalts, der mir als der wesentliche er- 
scheint, während ich solche Einwürfe übergehe, mit denen der Gegner mehr nur belästigt 
als widerlegt wird. 

3) Z. B. Grundleg. 3. Abschn. S. 82. Krit. d. pr. Vern.' 1. Th. 1. B. 1. Hptst. 
§ 7 Anm. § 8 Anm. ii. Ebd. 3. Hptst. 



14 Z £ L L £ R : 

sofern sie zugleich lebendige Kraft ist. Andererseits aber glaubt Schleier- 
macher, dasjenige Verhältnifs des Gesetzes zur Wirklichkeit, auf dem es 
beruht, dafs das Sittengesetz die Form des Gebots hat, finde sich ebenso 
auch bei den Naturgesetzen. Denn auch ihren Anforderungen entspreche 
die Wirklichkeit durchaus nicht immer, sie stelle in Folge der Störungen, 
die jeder einzelne Vorgang durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen 
erfahre, das Gesetz nicht rein dar; und namentlich auf dem Gebiet der 
organischen Natur habe jede Gattung ihr eigenes Gesetz, in der Wirklich- 
keit verlaufe aber nicht alles rein und vollkommen nach diesem Gesetz, 
Mifsgeburten und Krankheiten und Störungen aller Art seien durch das- 
selbe nicht ausgeschlossen. Diese verhalten sich aber zu dem Naturge- 
setz, in dessen Gebiet sie vorkommen, gerade so, wie sich das unsittliche 
und gesetzwidrige zu dem Sittengesetz verhält: wenn das vegetative Prin- 
cip über den chemischen Procefs und die mechanische Gestaltung, das 
animalische über den vegetativen Procefs und das allgemeine Leben keine 
volle Gewalt habe, so entstehen Störungen im Leben der Pflanzen und 
des Thiers, wenn der Geist die untergeordneten Functionen nicht voll- 
ständig beherrsche, so entstehe das, was wir böse und unsittlich nennen. 
Das Naturgesetz und das Sittengesetz liegen daher auf derselben Seite, 
und die Sittenlehre sei nur als die Darstellung der Art, wie die Intelli- 
genz sich das tiefer stehende aneigne und anbilde, sie sei m. a. W. nur 
als Naturbeschreibung des sittlichen Lebens zu behandeln. 

Dafs Kant's Unterscheidung hiemit widerlegt sei, wird man nun 
freilich nicht sagen können. Die Gleichstellung des Sittengesetzes mit 
dem Naturgesetze wird von Schleiermacher nur dadurch ermöglicht, dafs 
er den Begriff des einen so wenig wie den des andern scharf und genau 
fafst. Ein Naturgesetz drückt immer nur aus, was unter gewissen 
Bedingungen ausnahmslos geschieht, und diese Bedingungen sind um 
so verwickelter, je mehr wir von den allgemeinsten Naturgesetzen zu den 
specielleren herabsteigen: das Gesetz der Schwere ist an keine weitere 
Bedingung geknüpft, als das Vorhandensein von Körpern im Räume, das 
Gesetz der Trägheit an keine andere, als das Dasein bewegter und ru- 
hender Körper, während die Gesetze des organischen Lebens unbestimmt 
viele positive und negative Bedingungen in sich schliefsen. Dagegen ver- 
langt kein Naturgesetz, dafs derselbe Erfolg, der ihm zufolge unter ge- 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 15 

•wissen Bedingungen eintritt, auch dann eintreten sollte, wenn diese Be- 
dingungen fehlen, oder nur unvollständig vorhanden sind, oder sich än- 
dern; wenn er daher in diesem Fall ausbleibt, oder nur theilweise ein- 
tritt, so steht diefs nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit dem 
Gesetz; und zwischen der organischen und der unorganischen Natur be- 
steht in dieser Beziehung kein Unterschied : dafs ein lebendes Wesen er- 
krankt, wenn ihm die Bedingungen der Gesundheit entzogen werden, ist 
gerade so noth wendig, als dafs der Stein trotz der Schwere nicht zur 
Erde fällt, wenn er festgehalten wird. Wie es aber nach dieser Seite hin 
schief ist, wenn Schleiermacher die Abweichungen der Einzeldinge von 
ihrem „GattungsbegriflF*^ als eine Abweichung von den Naturgesetzen be- 
handelt, so ist es nicht minder schief, wenn er die Abweichung des Wil- 
lens vom Sittengesetz mit jenen auf Eine Linie stellt. Mischt man aller- 
dings in den Begriff der Gattung schon ein Werthurtheil ein, denkt man 
sich unter dem Gattungsbegriff das Ideal dessen, was ein Wesen einer 
bestimmten Gattung unter den gönstigsten Bedingungen werden kann, 
und macht man aus diesem Ideal eine Anforderung (oder wie Schi. S. 410 
sagt: eine „Anmuthung'*) an das Sein, bei welcher zweifelhaft bleibe, ob 
sie in Erfüllung gehen werde, oder nicht, so mufs jede Abweichung von 
diesem Ideal als etwas, das nicht sein sollte, als eine UnvoUkommenheit 
erscheinen, die mit den Abweichungen des Mensehen von seinem sitt- 
lichen Ideal verglichen werden kann. Fafst man dagegen jenen Begriff 
im naturwissenschaftlichen Sinn, versteht man unter dem Begriff oder 
dem Typus einer Gattung nichts anderes, als das Ganze derjenigen Eigen- 
schaften, welche in einer Mehrheit von Individuen wegen der Gleichartig- 
keit und relativen ünveränderlichkeit ihrer Entstehungsbedingungen sich 
gleichmäfsig wiederholen, betrachtet man also die Gleichförmigkeit des 
Gattungstypus nicht als eine Norm, die der Entstehung der einzelnen 
Individuen als Bedingung derselben vorangeht, sondern als eine Folge, 
die aus der Gleichartigkeit ihrer Entstehungs- und Entwicklungsbedingun- 
gen hervorgeht, so liegt am Tage, dafs man auch die Abweichungen von 
dem Gattungstypus nicht als die Verletzung einer solchen Norm, als et- 
was Nichtseinsollendes behandeln , und mit der Verletzung der sittlichen 
Gesetze nicht nuf Eine Linie stellen kann; man mQfste denn den Begriff 
des SoUens auch aus diesen ausmerzen und in ihnen nichts weiter sehen 



16 Zeller: 

wollen, als eine Beschreibung der Art, wie sich die Menschen unter ge- 
wissen Voraussetzungen thatsächlich verhalten. Damit würde aber der 
Begriff sittlicher Gesetze in Wahrheit ganz angegeben, und die Handlun- 
gen der Menschen würden ebensogut, wie die Naturerfolge, der sittlichen 
Beurtheilung entzogen. 

So wenig es aber Schleiermacher gelungen ist, die Unterscheidung 
des Sittengesetzes von dem Naturgesetz als unhaltbar nachzuweisen, und 
so wahrscheinlich es ist, dafs er auch den Versuch dazu nicht gemacht 
haben würde, wenn die allgemeine Voraussetzung, von der Kant bei jener 
Unterscheidung ausgeht, die menschliche Willensfreiheit, für ihn die glei- 
che Bedeutung gehabt hätte, wie für jenen, so läfst sich doch nicht ver- 
kennen, dafs Kant's Behandlung dieser Frage seiner Kritik eine Handhabe 
bot. Wenn sich die Gesetze des SoUens von denen des Seins so, wie 
Kant will, unterscheiden: in welchem Sinn und mit welchem Recht kön- 
nen dann beide unter dem gleichen Begriff des Gesetzes befafst werden, 
wie kann dasjenige, was das Gesetz „als nothwendig für ein durch Ver- 
nunft bestimmbares Subjekt vorstellt",^) doch zugleich etwas sein, was 
vielleicht niemals geschieht? vollends wenn es sich, wie beim Sittengesetz, 
um ein unbedingtes Sollen, um etwas „ohne Beziehung auf einen an- 
deren Zweck objektiv noth wendiges" (Grundl. a. a. 0.), einen kategori- 
schen Imperativ handelt. Kant hilft sich hier mit der Unterscheidung 
der objektiven und der subjektiven Nothwendigkeit. Wenn die Vernunft, 
sagt er,2) durch ihre Gesetze den Willen unausbleiblich bestimme, so seien 
die Handlungen des Wesens, bei dem diefs der Fall ist, nicht blos objek- 
tiv, sondern auch subjektiv nothwendig, sein Wille könne nur das wäh- 
len, was seine Vernunft als praktisch nothwendig, als gut erkenne. Be- 
stimme dagegen die Vernunft für sich allein den Willen nicht hinlänglich, 
sei dieser noch subjektiven Bedingungen unterworfen, die nicht immer 
mit den objektiven übereinstimmen, wirken auf ihn noch andere Trieb- 
federn, als die der Vernunft, so seien die Handlungen, die objektiv als 
nothwendig erkannt werden, subjektiv zufällig, das objektive Gesetz werde 
für ihn ein Sollen, ein Imperativ. Allein das, was die Vernunft als noth- 



^) Grandiegang 2. Abschn. S. 35 vgl. m. S. 50. 
^) Grundlegang a. a. O. S. 33 f. 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 17 

wendig erkennt, kann den Mensehen doch nur dann verpflichten, wenn 
es eine Norm enthält, nach der er eben als Mensch sich zu richten hat, wenn 
also das objektiv nothwendige auch ein subjektiv nothwendiges für ihn 
ist; wie kann nun eben dieses doch zugleich kein subjektiv nothwendi* 
ges für ihn sein? Oder wenn wir (in KAnt's Sinn) die objektive Noth- 
wendigkeit von der blos subjektiven durch das Merkmal unterscheiden 
wollen, dafs jene in der Natur der Sache begründet und defshalb für 
alle vernünftigen Wesen gleichsehr vorhanden ist, während diese, nur in 
der zufälligen Beschaffenheit einzelner Personen begründet, auch nur fär 
sie gilt: wie kann das, was für alle vernunftbegabten Wesen noth wendig 
ist, für einen Theil derselben nicht nothwendig sein? Es kann diefs, ant- 
wortet Kant, defshalb, weil der Mensch aus verschiedenen Bestandtheilen 
zusammengesetzt ist, und das, was für den einen von diesen nothwendig 
ist, für den andern zufällig sein kann. Nothwendig ist die Erfüllung des 
Sittengesetzes für den Menschen als Vernunft wesen, und von seiner Ver- 
nunft wird sie als nothwendig erkannt; nicht nothwendig ist sie dagegen 
für seinen Willen oder für den Menschen als wollendes Wesen, weil er 
als solches nicht blos von der Vernunft, sondern auch von anderen An- 
trieben bestimmt wird. Aber das Sittengesetz ist ja gerade ein Gesetz 
für den Willen, es erklärt es für nothwendig, dafs der Mensch in seinem 
Wollen diese bestimmte Richtung einhalte. Diese Nothwendigkeit anzu- 
erkennen und doch zugleich zu behaupten, dafs der menschliche Wille 
nicht nothwendig mit dem Sittengesetz übereinstimme, ist nur dann kein 
Widerspruch, wenn es sich in dem ersten von diesen Fällen um eine 
Nothwendigkeit anderer Art handelt, als in dem zweiten; und ebendefs- 
halb will Kant die objektive Nothwendigkeit der sittlichen Anforderung 
von der subjektiven, welche sich auf das Verhältnifs des Willens zu die- 
ser Anforderung beziehe, unterscheiden. Aber diese Unterscheidung läfst 
sich, wie bemerkt, so wie er sie fafst, defshalb nicht durchführen, weil 
jene objektive Nothwendigkeit sich gerade auf die Willensthätigkeit be- 
zieht, und insofern die subjektive in sich schliefst. Eine haltbarere Be- 
stimmung läfst sich vielleicht durch eine Verallgemeinerung der Aufgabe 
gewinnen. 

Das sittliche Gebiet ist nämlich nicht das einzige, auf dem uns 
die scheinbare Antinomie begegnet, dafs den Gesetzen, welche mit dem 

Philos.'histor. Kl, 1882. Abb. II. 3 



18 Zeller: 

Anspruch der Allgemeingültigkeit auftreten, die thatßächliche Wirklichkeit 
in zahllosen Fällen nicht entspricht; sondern das gleiche findet sich auf 
allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit ohne Ausnahme, welcher Art 
diese nun auch sein mag und auf was für Gegenstände sie sich bezieht. 
So unbedingt auch die logischen und mathematischen Gesetze gelten, so 
wenig verhindern sie doch das Vorkommen von Fehlschlüssen und Rech- 
nungsfehlern; so deutlich wir einsehen mögen, dafs die Gesetze der Me- 
chanik ein bestimmtes Verfahren vorschreiben, so wenig folgt doch dar- 
aus, dafs dieses Verfahren von jedermann eingehalten wird; so auffallend 
manche Kunsterzeugnisse den Grundgesetzen der Ästhetik widersprechen, 
so sind sie doch trotzdem nicht blos mögUch, sondern auch wirklieb. 
Ja noch mehr: dasselbe, was allgemeingültigen Gesetzen widerstreitet, ist 
nicht allein möglich und wirklich, sondern es ist auch in gewissem Sinn 
nothwendig. Wie dem Physiologen die Krankheit ebenso natürlich er- 
scheint, als die Gesundheit, so erscheint dem Psychologen das Irrige in 
den Vorstellungen, das Verkehrte in dem Thun der Menschen ebenso na- 
türüch, als das Richtige und Zweckmäfeige; das eine geht aus seinen that- 
sächlichen Bedingungen mit derselben Noth wendigkeit und nach denselben 
Gesetzen hervor, wie das andere. Die logischen Gesetze sagen nicht aus, 
dals kein anderes Verfahren, als das, welches sie vorschreiben, möglich, 
sondern nur, dafs kein anderes richtig sei; die ästhetischen Gesetze 
läugnen nicht, dafs solches, das sie verbieten, vorkommen könne, sie läug- 
nen nur, dafs es dem guten Geschmack entspreche, dafs es schön sei. 
Das gleiche, was wir nach psychologischen Gesetzen zu erklären, als ein 
nothwendiges zu begreifen wissen, betrachten wir zugleich als etwas nach 
logischen oder ästhetischen Gesetzen unmögliches, nichtseinsollendes. Es 
liegt am Tage, dafs der Ausdruck „Nothwendigkeif* in beiden Fällen 
nicht den gleichen Sinn hat. Wenn wir von einer Naturnothwendigkeit 
reden, so wollen wir damit ausdrücken, dafs ein bestimmter Erfolg aus 
der Gesammtheit seiner Bedingungen mit Nothwendigkeit hervorgehe, dafs 
er eintreten müsse, wenn diese bestimmten Ursachen in dieser Weise und 
unter diesen näheren Umständen sich zusammenfinden; und das gleiche 
bezeichnen wir, wenn es sich um Bewufstseinserscheinungen handelt, mit 
dem Namen der psychologischen Gesetze oder der psychologischen Noth- 
wendigkeit. Nennen wir dagegen etwas in logischer, ästhetischer, tech- 



Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 19 

nischer Beziehung noth wendig, so heifst diefs: es sei nothwendig, wenn 
das von den entsprechenden Thätigkeiten angestrebte Ergebnifs, die Er- 
kenntnifs der Wahrheit, die Hervorbringung des Schönen oder des Zweck- 
mäfsigen, erreicht werden solle. Dort bezeichnet die Noth wendigkeit den 
Zusammenhang des Erfolgs mit seinen Bedingungen, so wie er sich dar- 
stellt, wenn man von den Bedingungen als dem gegebenen ausgeht: die 
Bedingungen werden als die Ursache, der Erfolg als die Wirkung be- 
trachtet, und es wird behauptet, dafs sich aus gewissen Ursachen gewisse 
Wirkungen ergeben müssen. Hier bezeichnet sie denselben Zusammen- 
hang, wie er sich vom Standpunkt des Erfolgs aus darstellt: es wird von 
der Vorstellung des zu erreichenden Erfolgs, von einem bestimmten Zweck- 
begriflf ausgegangen und gezeigt, an welche Bedingungen die Erreichung 
dieses Erfolgs geknüpft ist, welche Mittel für diesen Zweck erforderlich 
sind. Die Nothwendigkeit in dem ersteren Sinn findet ihren Ausdruck 
in Sätzen, welche angeben, was für Wirkungen unter gewissen Bedingun- 
gen ausnahmslos eintreten; und solche Sätze nennt man Naturgesetze. 
Die Nothwendigkeit in dem andern Sinn findet ihn in Sätzen, welche an- 
geben, was geschehen mufs, wenn ein gewisser Zweck erreicht werden 
soll; und Sätze dieser Art können wir praktische Gesetze (im weiteren 
Sinn) nennen. Da nun mit den Ursachen ihre Wirkungen immer und 
nothwendig gegeben sind, durch eine Zwecksetzung dagegen die Ausfüh- 
rung dessen, wovon die Erreichung des Zwecks abhängt, nicht verbürgt 
ist, haben die Naturgesetze unbedingte thatsächliche Geltung, und es kann 
nie eine Thatsache geben, die ihnen widerstritte; die praktischen Gesetze 
dagegen sprechen zwar gleichfalls unbedingt aus, dafs gewisse Zwecke 
nur durch gewisse Mittel erreicht werden können, und sie werden in 
dieser Beziehung, wenn sie an sich selbst richtig sind, von dem Erfolge 
nicht widerlegt; aber über die thatsächliche Anwendung jener Mittel be- 
stimmen sie nichts, und schliefsen daher auch die Möglichkeit nicht aus, 
dafs dieselben nicht angewendet und die entsprechenden Zwecke in Folge 
davon nicht erreicht werden. Jene sagen: wenn die und die Bedingun- 
gen gegeben sind, müsse der und der Erfolg eintreten; diese behaupten: 
wenn ein bestimmter Erfolg erreicht werden soll, müsse in einer bestimm- 
ten Weise verfahren werden. Ob aber im gegebenen Fall auch wirklich 
so verfahren werden wird, und ob daher der entsprechende Erfolg er- 



20 Z £ L L E R : 

reicht wird, bleibt unsicher, und diese Unsicherheit ist es, welche das 
Gesetz zu einer an die Menschen gerichteten Aufforderung, die Nothwen- 
digkeit, welche es ausdrückt, zu einem Sollen macht. 

Diesen Charakter des SoUens theilen nun die sittlichen Gesetze mit 
den übrigen praktischen Gesetzen. Auch bei ihnen mufs daher die Noth- 
wendigkeit, welche sie in dieser Form ausdrücken, in einer Zweckbezie- 
hung bestehen : wenn sie eine bestimmte Richtung des Wollens und Han- 
delns verlangen, können sie diefs nur defshalb thun, weil die Erreichung 
gewisser in der Natur des Menschen begründeter Zwecke durch dieselbe 
bedingt ist. Kant räumt diefs allerdings nicht ein: das Sittengesetz soll 
sich, wie er sagt, von allen andern praktischen Gesetzen gerade dadurch 
unterscheiden, dafs es unmittelbar, ohne Beziehung auf den durch unser 
Verhalten zu erreichenden Erfolg, als kategorischer Imperativ gebiete, 
während jene die Thätigkeiten, die sie fordern, nur als Mittel zur Glück- 
seligkeit oder sonst einem aulser ihnen selbst liegenden Zweck verlangen, 
nur „hypothetische Imperative" seien.^) Aber irgend einen Zweck hat 
doch jedes Handeln, denn Handeln heifst eben: eine Thätigkeit ausüben, 
durch welche ein Zweck verwirklicht werden soll. Die Vorstellung die- 
ses Zweckes bildet das Motiv, die aus demselben sich ergebenden Kegeln 
bilden das Gesetz des Handelns. Liegt daher der Zweck des Handeln- 
den nicht aufser seiner Thätigkeit, in einem von dieser verschiedenen und 
abtrennbaren Erfolg, so wird er nur um so mehr in ihr selbst, in einer 
von ihr untrennbaren Wirkung liegen. Diefs wird auch von Kant selbst, 
wie ich schon bei einer früheren Gelegenheit gezeigt habe,^) thatsächlich 
anerkannt. Denn wenn er sein Moralprincip in der Forderung zusam- 
menfaÜBt, so zu handeln, dafs die Maxime unseres Willens sich zum Prin- 
cip einer allgemeinen Gesetzgebung eigne, so gründet sich diese Forde- 
rung doch nur auf die Erwägung, dafs wir als Vernunftwesen nach kei- 
nem andern Princip handeln können, es wird uns also darin vorgeschrie- 
ben, das durch unsere vernünftige Natur geforderte Handeln uns zum 
Zweck zu setzen; und Kant selbst erläutert sein Princip in diesem Sinn, 



1) Grandlegnng 2. Abschn. S. 37 n. o. 

^) In der AbhandloDg über das Eantische Moralprincip (Abb. d. E. Akad. y. J. 
1880) S. 11 f. 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 21 

venn er ihm auch den Ausdruck gibt:^) jedes vernünftige Wesen mösse 
so handeln, als ob es durch seine Maximen ein gesetzgebendes Glied im 
allgemeinen Reich der Zwecke wäre. So streng er daher auch jede Rück- 
sicht auf den Erfolg unserer Handlungen als solchen, d. h. auf ihre 
Wirkung, wiefern diese von der Handlung selbst getrennt gedacht wird, 
aus unsern praktischen Beweggründen ausschliefst, so wenig wird doch 
dadurch, sogar nach seinen Voraussetzungen, die Zweckbeziehung aller 
unserer Handlungen und die Abhängigkeit der praktischen Gesetze von 
den Zwecken beseitigt, zu deren Erreichung sie eine Anleitung geben wol- 
len. Die Aufgabe kann daher nicht die sein, einen solchen Ausdruck 
und eine solche Begründung des Sittengesetzes zu finden, durch die un- 
ser Handeln zu etwas an und für sich selbst noth wendigem, durch keine 
Zweckvorstellung bedingtem gemacht würde; sondern gerade die Bestim- 
mung der Zwecke, auf die unser Wille sich zu richten hat, ist es, um 
die es sich bei der Frage nach den Gründen und dem Inhalt der sitt- 
lichen Verpflichtung an erster Stelle handelt. 

Um nun hiefür den richtigen Weg einzuschlagen, wird man von 
einem Merkmal ausgehen können, welches Kant mit Recht aurs nach- 
drücklichste betont hat, durch dessen augenfällige Wichtigkeit er sich aber 
zu dem verfehlten Versuche verlocken Uefs, den ganzen Inhalt des Sitten- 
gesetzes aus ihm allein abzuleiten. Die sittliche Anforderung gilt ihrem 
allgemeinen Princip nach för alle Vernunfkwesen überhaupt; mit den nä- 
heren Bestimmungen, welche dieses Princip unter den besonderen Bedin- 
gungen der menschlichen Natur erhält, und in seiner specielleren Anwen- 
dung auf die dem Menschen als solchem obliegenden Pflichten 2) gilt sie 
wenigstens für alle Menschen ohne Ausnahme. Sie verlangt, dals alle 
nach den gleichen allgemeinen Grundsätzen und Beweggründen handeln, 
unter den gleichen Umständen die gleiche Willensrichtung einschlagen. 
Diese Forderung ist nur dann gerechtfertigt, wenn es Zwecke gibt, deren 
Verfolgung in der menschlichen Natur als solcher begründet, deren Er- 
reichung daher für jeden Menschen als solchen von Werth ist; denn was 
wir uns zum Zweck setzen sollen, dem piüssen wir einen Werth beilegen, 



^) Grandlegang 2. Abschn. S. 63. 

') M. vergl. über diese Beschränkung S. 26 f. der ebengenannten Abbandlang. 



22 Z B L L E R : 

mOssen glauben, daüs es ein Gut fQr uns sei, und wenn von etwas ver- 
langt werden kann, dafs es sich alle zum Zweck setzen , muis es fQr alle 
einen Werth haben und ein Gut sein; diefs ist aber nur dann möglich, 
wenn sein Werth nicht auf individuellen Eigenthümlichkeiten , wechseln- 
den Neigungen und umständen, sondern auf den bleibenden Eigenschaf- 
ten der menschlichen Natur beruht. Was für Zwecke sind es nun, wel- 
che in dieser Weise durch die Natur des Menschen vorgezeichnet sind, 
deren Erreichung defshalb für alle ohne Ausnahme von Werth ist? 

Diese Frage ist damit nicht beantwortet, dafs eine Reihe von Gü- 
tern aufgezählt wird, die doch alle Menschen bis auf verschwindende Aus- 
nahmen sich wünschen, wie Erhaltung des Lebens, Gesundheit, Besitz 
u. s. w. Denn theils handelt es sich hier nicht um das, was die Men- 
schen thatsächlich begehren und erstreben, sondern um das, was sie nach 
den allgemeinen Bedingungen ihrer Natur erstreben sollten, um einen 
Masstab zur Beurtheilung ihres thatsächlichen Verhaltens; theils zeigt sich 
auch bei genauerer Untersuchung, dafs alle jene Dinge doch nicht um 
ihrer selbst willen, sondern nur wegen ihrer Bedeutung für den Menschen 
und sein Wohlbefinden begehrt werden, und dafs es sich ebenso überhaupt 
mit allem verhält, was man für begehrenswerth, für ein Gut, hält: man 
hält es dafür, weil man es als ein Mittel zur Vervollkommnung des eige- 
nen Zustandes betrachtet. Um so mehr scheint eben diese, also mit 
Einem Wort: die Glückseligkeit, das natürliche Ziel des Strebens, und 
alles menschliche Thun nur ein Mittel für diesen Zweck zu sein. Und 
in gewissem Sinne wird man diefs unbedenklich einräumen können. Was 
unsern Willen in Bewegung setzt, ist immer irgend ein Interesse. Alle 
unsere Handlungen haben entweder Erlangung und Erhaltung von Gütern 
oder Entfernung und Vermeidung von Übeln zum Zweck; damit aber die 
Zweckvorstellungen ein Wollen hervorrufen, müssen sie unser Gefühl er- 
regen, es mufs sich mit ihnen der Wunsch und die HoflFnung verbinden, 
durch unser Handeln unsern. gegenwärtigen Zustand zu verbessern oder 
seiner Vei*schlimmerung vorzubeugen. Wenn diefs nicht der Fall ist, 
wenn der Erfolg, der durch unser Handeln erreicht werden kann, kein 
Interesse für uns hat, die Vorstellung desselben unser Gefühl nicht be- 
rührt, so kann diese Vorstellung auch unsern Willen nicht in Bewegung 
setzen. Sofern es sich daher um die nächsten psychologischen Entste- 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 23 

hungsgrOnde der Willensakte handelt, ^ ist es ganz richtig, wenn gesagt 
worden ist, das Interesse sei das einzige naturgemäfse Motiv des Han- 
delns, und der Wille könne sich von dem Gesetz des Interesse's so we- 
nig losmachen, als die Materie von dem Gesetz der Schwere; und wenn 
wir unter der Glückseligkeit den Zustand eines empfindenden Wesens ver- 
stehen, in dem alle seine Interessen, jedes nach dem Verhältnifs seines 
Werthes, ihre dauernde Befriedigung finden, so kann die Glückseligkeit , 
als der letzte Zweck, das Streben nach derselben als der Beweggrund 
aller unserer Thätigkeiten bezeichnet werden. Aber diefe sind dann auch 
erst rein formale Bestimmungen, mit denen Ober den Inhalt unseres Wil- 
lens, über die Richtung', die er nehmen, und die bestimmten Ziele, die 
er sich stecken soll, nichts ausgesagt ist. „Alles, wonach wir streben, 
muss ein Interesse für uns haben i*^ daraus folgt nicht das geringste für 
die Beantwortung der Frage, was unseres Strebens werth sei. Der eine 
wendet sein Interesse dem zu, der andere jenem, ideale Ziele können mit 
demselben Interesse verfolgt werden, wie egoistische; und es wäre eine 
augenscheinlige Verwechselung der Begriffe, wenn man dai'aus, dafs alles 
Wollen ein Interesse an seinem Gegenstande voraussetzt, schliefsen wollte, 
unser persönliches Interesse sei die einzige naturgemäfse Triebfeder 
unseres Wollens und Handelns. Jenes Interesse kann ja auch in der 
Freude an der Sache, in der Sorge für fremdes Wohl bestehen, und es 
besteht in zahllosen Fällen wirklich darin; wer dieses uneigennützige In- 
teresse für eine Thorheit oder eine Täuschung erklären wollte, der möchte 
es thun, aber auf die psychologische Thatsache, dafs kein Wollen ohne 
ein entsprechendes Interesse zu Stande kommt, könnte er sich für diese 
Behauptung nicht berufen. Und das gleiche gilt von der Glückseligkeit. 
Auch dieser Begriff ist an sich ein blos formaler, der jede beliebige ma- 
teriale Bestimmung zuläfst. Man kann ihn allerdings so fassen, dafs er 
jedes ideale Ziel und jede allgemein verbindliche Norm der menschlichen 
Thätigkeit ausschliefst; aber man kann auch den ganzen Inhalt und die 
ganze Strenge der sittlichen Verpflichtung in ihn aufnehmen. Es kommt 
eben alles darauf an, ob der Masstab, nach dem wir die Glückseligkeit 
des Einzelnen beurtheilen, seiner subjektiven Empfindung oder dem ob- 
jektiven Werth seines Thuns entnommen wird. In jenem Fall erhalten 
wir das, was man heutzutage Eudämonismus zu nennen pflegt ^ und was 



34 Z E L L E R : 

namentlich Kant so nennt, ohne (^ch, wie er sollte, zwischen dem Eudä- 
monismus in diesem Sinn und der Lehre eines Plato oder Aristoteles 
oder Zeno von der Eudämonie zu unterscheiden: derWerth jeder Hand- 
lung wird nach dem Grade der Lust beurtheilt, die aus ihr entspringt, 
die wahre Lebenskunst und die höchste Aufgabe des Menschen soll darin 
bestehen, dafs er sich mit den verhältnifsmäfsig kleinsten Opfern die 
gröfste während seines Lebens für ihn erreichbare Summe von Genüssen 
verschaflft. In dem anderen Fall ^iegt zwar der nächste Grund seines 
WoUens und Thuns gerade dann, wenn er das Gute aus Liebe zum Gu- 
ten thut, gleichfalls darin, dafs nur dieses Thun und kein anderes ihn 
befriedigt; aber da sein allgemeines praktisches Princip nicht das ist, al- 
les für gut anzusehen, was ihm angenehm ist, sondern das umgekehrte, 
sich nur das angenehm sein zu lassen, was gut ist, so ist der letzte 
Grund desselben die Überzeugung von dem objektiven Werth und der 
objektiven Nothwendigkeit dieser bestimmten Handlungsweise. Der psy- 
chologische Hergang, die allgemeine Form der Willensbestimmung, ist in 
beiden Fällen der gleiche, aber der Inhalt und die Richtung des Willens 
durchaus verschieden. 

Dafs nun die subjektive Empfindung nicht den Masstab, der be- 
friedigende Zustand des Einzelnen, oder die Lust, nicht das letzte Ziel 
unseres Handelns bilden kann, diefs ergibt sich, wie seit Plato unzählige- 
male^) gezeigt worden ist, eben aus dem subjektiven Charakter derselben. 
Was dem Einzelnen angenehm ist und welcher Art von Genüssen er den 
höheren Werth beilegt, diefs hängt ganz und gar von seiner individuellen 
Eigenthümlichkeit, seiner Empfänglichkeit für diese oder jene Eindrücke, 
seinen Trieben, Neigungen und Gewöhnungen ab. Soll daher der Ge- 
nufs, den eine Handlung dem Handelnden verschaflft, über ihren Werth 
entscheiden , so gibt es nicht blos keine sittliche Verpflichtung , sondern 
überhaupt keine allgemein gültigen Gesetze des Handelns : die Ethik wird 
zu einer Klugheitslehre, einem Unterricht in der Kunst, den jeweiligen 
Umständen möglichst viel Vortheil und Genufs abzugewinnen, aber allge- 
mein bindende rechtliche oder sittliche Vorschriften sind einfach defshalb 

^) Und so auch in der mehrerwähnten Abhandlung S. 18 fif. 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 25 

nicht möglich, weil jedem alles erlaubt ist, was ihm mehr Lust als Un- 
lust, mehr Vortheil als Nachtheil verspricht. 

Worin liegt aber, im Gegensatz zu diesem blos subjektiven Motiv, 
der objektive Werth unseres Wollens und Handelns, worauf gründet er 
sich und nach welchem Masstab ist er zu beurtheilen? Die Antwort auf 
diese Frage läfst sich wohl am besten dadurch finden, dafs man sich 
Rechenschaft darüber ablegt, was für Beweggründe es sind, die wir als 
rein sittliche anerkennen und achten, und aus welchen Eigenschaften der 
menschlichen Natur diese Beweggründe entspringen; und da nun alle sitt- 
lichen Thätigkeiten und Pflichten in solche zerfallen, die sich auf unsern 
eigenen Zustand, und solche, die sich auf unser Verhalten gegen andere 
Wesen beziehen, so mufs dieser Angabe sowohl in der einen als in der 
anderen Beziehung entsprochen, und was sich in beiderlei Hinsicht er- 
gibt, mufs auf seinen gemeinschaftlichen Grund zurückgeführt werden. 

Für diese ganze Untersuchung kann nun als anerkant vorausgesetzt 
werden, dafs der sittliche Werth und Charakter unserer Handlungen nicht 
von ihrem äufseren Erfolg, sondern ausschliefslich von der Beschaffenheit 
des Willens abhängt, aus dem sie hervorgehen. Diese selbst aber richtet 
sich nach zwei Gesichtspunkten: nach der Reinheit und der Eräftigkeit 
des Willens. Jene hängt von den Zwecken ab, welche als Beweggründe 
den Willensakt hervorrufen und die Gesinnung des Handelnden bestim- 
men; diese wird an der Gröfse der vom Willen geleisteten Arbeit und 
an der Beharrlichkeit gemessen, mit der er seine Zwecke im Kampf mit 
entgegenstehenden Antrieben verfolgt. Hier haben wir es nun nur mit 
dem ersten von diesen Elementen zu thun; denn so wesentlich es auch 
für die moralische Beurtheilung des handelnden Subjekts ist, ob es das 
Gute nicht blos überhaupt gewollt, sondern auch ki'äftig und nachhaltig 
gewollt hat, so entscheidet doch über den objektiven Werth der Hand- 
lung, üer die Berechtigung ihres Inhalts, ausschliefslich der Zweck, der 
durch sie verwirkücht werden sollte, dessen Vorstellung der Beweggrund 
des Handelnden war. Es kommt ferner hiebei nur der letzte, nicht der 
nächste Zweck der Handlung in Betracht; denn dieser ist immer nur ein 
Mittel, das zwar für sich genommen wieder erlaubt oder unerlaubt sein 
kann, und insofern einer besonderen Beurtheilung unterliegt, das aber als 

Philos.'hütor. KL 1882. Abh. IL 4 



26 Z E L L E R : 

etwas nur zur Ausführung des eigentlichen Zweckes gehöriges die Frage 
nach dem Werth des letzteren als solche nicht berührt, und mit einem 
andern vertauscht werden kann, ohne dafs der Zweck, dem es dient, da- 
durch ein anderer würde. Wer also z. B. nur aus Furcht vor Strafe sich 
des Um*echts enthält, oder nur aus Eücksicbt auf die Meinung der Men- 
schen und die Vortheile, die sie ihm gewährt, Gutes thut, dessen wirk- 
Hoher Zweck und Beweggrund liegt nicht im Vermeiden des Unrechts und 
im Vollbringen des Guten, sondern in seinem eigenen Wohlbefinden, der 
Befriedigung seiner Eitelkeit u. s. w. Nicht anders verhält es sich aber 
auch dann, wenn die Nachtheile, vor denen man sich fürchtet, oder die 
Vortheile, um die man sich bemüht, in ein anderes Leben verlegt wer- 
den. Der Glaube an jenseitige Belohnungen und Strafen führt zwar nicht 
immer und noth wendig, wie man ihm so oft vorgeworfen hat, zu einer 
Verkehrung und Verunreinigung der sittUchen Triebfedern. Es ist mög- 
lich, diesen Glauben so zu behandeln, wie es Plato in der Republik thut, 
wo er den Beweis für den unbedingten Vorzug der Gerechtigkeit vor der 
Ungerechtigkeit zuerst rein aus ihrem Wesen und unter ausdrücklichem 
Ausschluls jeder Rücksicht auf das Jenseits führt, und erst nachträglich 
diesen Vorzug auch an den zukünftigen Folgen des sittlichen Verhalten» 
zur Anschauung bringt. Es kann auch geschehen, und ist gewife in un- 
zähügen Fällen geschehen, dafe er selbst für solche, die ihn als sittliches^ 
Motiv nicht entbehren zu können glauben, in Wahrheit nur die Form ist, 
unter der sich ihnen der unbedingte Werth des sittlichen, die unbedingte 
Verwerflichkeit des unsittlichen Verhaltens dai'stellt, ihre wirklichen Be- 
weggründe dagegen doch nur in der uneigennützigen Freude am Guten 
bestehen. Wo aber wirklich nur die Rücksicht auf eine künftige Beloh- 
nung und Bestrafung die Willensrichtung bestimmt, da findet überhaupt 
kein sittliches Handeln statt, sondern nur ein Handeln aus Berechnung,, 
und ob sich diese Berechnung auf richtige oder auf unrichtige Voraus- 
setzungen gründet, ob die Handlungen, deren Belohnung man hofft, oder 
deren Bestrafung man fürchtet, diese Folgen wirklich nach sich ziehen 
werden, oder nicht, ist für den moralischen Charakter derselben vollkom- 
men gleichgültig. Dieser hängt, wie gesagt, nur von dem Werth und 
der Berechtigung ihres letzten Zwecks ab. 



Tiber Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 27 

Fragt man sich niin yoü diesem Standpankt aus zunächst mit Bezie- 
hung auf das persönliche Verhalten der Einzelnen, was den Menschen ab- 
halten soll, und was einen sittlichen Charakter als solchen auch wirklich 
abhält, sich einem ungeordneten, ausschweifenden, mü&igen Leben zu er- 
geben, was ihn bewegen soll, seine Kräfte auszubilden und zu üben, sei- 
nem Dasein durch eine nützliche Thätigkeit, durch Betrachtung und Her- 
vorbringung des Schönen, durch Erforschung der Wahrheit einen höheren 
Werth und Inhalt zu geben, was ihn mit Einem Wort antreiben soll, al- 
len den Anforderungen zu genügen, die man als Pflichten des Menschen 
gegen sich selbst zu bezeichnen pflegt, so wird sich nur sagen lassen, 
dafs das einzige wahrhaft sittliche Motiv hiefbr in dem Gefühl dessen 
liege, was der Mensch sich selbst schuldig ist. Wer sich nur einem frem- 
den Willen zuliebe so verhielte, wie hier angenommen worden ist, der 
wäre entweder noch sittlich unmündig, wie das Eind, welches der elter- 
lichen Auktorität instinktiv folgt, oder der Gehorsam gegen den fremden 
Willen wäre selbst nur ein Mittel zur Erreichung anderer Zwecke, und 
dann wäre der wesentliche Thatbestand derselbe, welcher auch ohne diese 
Rücksicht auf andere vorkommen kann, dafs man seine Pflichten gegen 
sich selbst nicht defehalb erfallt, weil man von der sittlichen Nothwen- 
digkeit dieses Verhaltens durchdrungen ist, sondern nur weil man es aus 
anderweitigen Gründen zweckmäTsig findet. Und es ist ja möglich, dafs 
jemand nur solche Motive hat: dafs er sich der Ausschweifung und ün- 
mäfsigkeit nur defswegen enthält, weil er seiner Gesundheit oder seinem 
Vermögen nicht schaden will; dafe er nur aus Gewinnsucht ein guter 
Haushalter oder ein fleifsiger Arbeiter ist, dafs er nur defshalb etwas 
lernt, um sein äufseres Fortkommen in der Welt zu finden, nur defshalb 
etwas leistet, um zu Ansehen und Wohlstand zu gelangen. Aber so we- 
nig wir jemand darum tadeln werden, wenn auch diese Motive auf sein 
Verhalten Einflufs haben, so wenig werden wir ihm doch, so weit diefs 
der Fall ist, unsere moralische Achtung dafür zollen; aufser sofern wir 
schon in dieser Fähigkeit, sein Leben nach Klugheitsrücksichten zu re- 
geln, wenigstens einen Anfang von jener Beheri-schung der Sinnlichkeit 
durch den Willen sehen, welche bei fortschreitender Läuterung ihrer Mo- 
tive zur wirklichen Sittlichkeit führt. Wenn wir dagegen von jemand 



28 Z £ L L £ R : 

voraussetzten, dafis alles das, was an seinem Thun und Lassen zu loben 
ist, nur der Rücksicht auf seinen Vortheil und sein Ansehen in der Welt 
entspringe, so würden wir einen solchen zwar vielleicht einen klugen und 
willenskräftigen Egoisten, aber gewifs keinen sittlich verehrungs würdigen 
Charakter nennen. Einen Anspruch auf unsere moralische Achtung rftu* 
men wir ihm nur dann ein, wenn wir annehmen, dafs er sich des Ge- 
meinen aus Widerwillen gegen dasselbe enthalte, und dem Edeln aus 
Freude daran nachstrebe. Worauf gründen sich nun diese Gefühle selbst? 
wie kommen wir dazu, eine bestimmte Art des Verhaltens an und für 
sich selbst, und ohne Rücksicht auf ihre Folgen, zu verabscheuen, an 
einer andern eine solche Freude zu haben, dafs wir ihr, gleichfalls an sich 
selbst und abgesehen von ihren Folgen , einen unbedingten Werth beile- 
gen? woher rührt es, dafs jene uns innerlich widerstrebt, diese uns eine 
über jedes sinnliche Lustgefühl hinausgehende und der Art nach von ihm 
verschiedene Befriedigung gewährt? Der Grund dieser Erscheinung kann 
nur darin liegen, dafe das, was unsem Widerwillen erregt, einem in un- 
serer Natur begründeten Bedürfnifs widerstreitet, das, was wir billigen 
und was uns befriedigt, diesem Bedürfnife entspricht; denn wenn uns 
auch im allgemeinen alles das Lust gewähi*t, was unser Lebensgefühl 
erhöht oder bewahrt, dasjenige Unlust, was dasselbe hemmt oder stört, 
so wird doch eine solche Lust oder Unlust, die zu den allgemeinen Äufse- 
rungen und Bedingungen des sittlichen Lebens gehört, nicht auf den un- 
gleichen und wechselnden Zuständen der Einzelnen, sondern nur auf daur 
emden Bedürfiiissen der gemeinsamen Menschennatur beruhen können. 
Diese selbst aber können nicht in den sinnlichen und selbstischen Trie- 
ben ihren Sitz haben; denn erst da, wo diese Motive als solche zurück- 
treten, beginnt das Gebiet der sittlichen Gefühle. Sie müssen vielmehr 
aus dem Bestand theil unserer Natur entspringen, welcher uns über die 
sinnlichen und selbstischen Zwecke hinausführt und uns antreibt, an dem 
Guten als solchem Gefallen, an dem Schlechten als solchem Mifsfallen zu 
empfinden. Dieser ist aber das, was wir unsem Geist nennen. Denn 
mit diesem Namen bezeichnen wir das in uns, was uns in den Stand 
setzt, über die Gesetze der Erscheinungen, das Wesen und die Ursachen 
der Dinge nachzudenken, uns des Schönen zu erfreuen, uns andere, als 
auf unser sinnliches Wohl bezügliche, Zwecke zu setzen, wie man auch. 



IJber Begriff und Begründimg der sittlichen Gesetze. 29 

immer diese Fähigkeit der menschlichen Natur psychologisch und meta- 
physisch erklären möge. Wer das Niedrige und Gemeine nicht aus Be- 
rechnung und um seiner nachtheiligen Folgen willen, sondern einfach 
defshalb verschmäht, weil es seiner Denk- und GefQhisweise unmittelbar 
widerstrebt, der zeigt ebendamit, dafe er es seiner unwürdig finde, dem 
blofsen Sinnengenufs zu leben, dafs er diesem für ein Vernunftwesen kei- 
nen selbständigen Werth beilege ; wer seine höchste Befriedigung in der 
Ausbildung und Bethätigung seiner geistigen Kräfte sucht, und auch die 
sinnlichen Thätigkeiten und Genüsse so vollständig wie möglich zur blofsen 
Erscheinung und Vermittelung der geistigen zu machen sich bemüht, der 
beweist, dafs er nur diese fQr etwas hält, was für den Menschen als sol- 
chen Werth habe, und um seiner selbst willen erstrebt zu werden ver- 
diene. Die Motive, welche unser Verhalten zu einem sittlichen machen, 
beruhen in dem einen wie in dem anderen Fall auf der Werthschätzung 
der geistigen Seite unserer Natur, auf der Überzeugung, dafs nur die aus 
ihr entspringenden Thätigkeiten und Genüsse ein letzter Zweck für uns 
sein dürfen, weil nur auf ihnen der eigenthümliche Vorzug des mensch- 
lichen Wesens beruhe, und daher nur sie dem Menschen, der sich seiner 
Würde und seines Werthes bewufst geworden ist, eine wirkliche und 
dauernde Befriedigung gewähren können. Welche Form diese Überzeu- 
gung in der Vorstellung des Einzelnen annimmt, macht zwar für die theo- 
retische Richtigkeit der letzteren einen wesentlichen Unterschied, und in 
dieser Beziehung gehen die Ansichten auch unter solchen, die in der 
praktischen Behandlung der sittlichen Aufgaben der Sache nach überein- 
stimmen, weit auseinander. Aber so weit ihr Verhalten nicht aus blofser 
Abhängigkeit von Auktorität und Gewöhnung, sondern aus ihrem eigenen 
sittlichen Leben und ihrem inneren Bedürfriifs hervorgeht, sind seine 
wirklichen Motive, die Gefühle, aus denen es entspringt, bei allen die 
gleichen, so verschieden auch die Formeln sein mögen, unter denen sich 
dieselben ihrer theoretischen Auffassung darstellen. 

Aus der gleichen Quelle entspringen aber auch unsere Verpflich- 
tungen gegen andere Menschen. Sie alle fahren sich auf zwei Grundfor- 
derungen zurück : die Pflicht der Gerechtigkeit und die Pflicht des Wohl- 
wollens oder der Menschenliebe. Die Gerechtigkeit ist nun nichts ande- 
res, als der Wille zur Einhaltung des Rechts, und das Recht gründet sich 



30 Z E L L E R : 

in letzter Beziehung auf die Gleichheit der Menschen: die Verbindlich- 
keit der Bechtsgesetze beruht darauf, dafs alle Menschen als Vernunft- 
wesen oder Personen sich gleichstehen und gleiebsehr verlangen können, 
von anderen nicht verletzt zu werden. Nur solchen Wesen gegenüber, 
denen wir die nat{h*liche Anlage zu vernünffciger Selbstbestimmung zuer- 
kennen, und die wir insofern ihrem Gattungscharakter nach uns selbst 
gleichstellen, fühlen wir uns rechtlich verpflichtet; zu Thieren und Sachen 
stehen wii* in keinem Rechtsverhältnifs : wenn sie uns beschädigen, sdben 
wir darin keine Rechtsverletzung, sprechen aber andererseits auch ihnen 
nicht das Recht zu, von uns keine G-ewalt und Verletzung zu erleiden, 
und wenn wir ihre muthwillige Zerstörung oder Milshandlung mifsbilHgen, 
thun wir diefs doch nicht deiÜshalb, weil wir dadurch ihr Recht zu ver- 
letzen glauben, (in diesem Fall dürften wir die Thiere auch nicht jswin- 
gen, für uns zu arbeiten, oder sie schlachten um sie zu verzehren), son- 
dern weil wir in einer solchen Handlung einen Akt der Roheit, einen 
Beweis des Mangels an jenem Mitgefühl fCkr die lebendige und selbst die 
leblose Natur sehen, das einem gebildeten Gemüth natürlich ist: nicht 
defshalb, weil wir ihren Rechten, sondern weil wir unserer sittlichen 
Würde dadurch zu nahe treten würden. Wo man andererseits einem 
Theil der Menschen die allgemeinen Menschenrechte verweigert, da be- 
weist diefs immer, dals man sie nicht auf die gleiche Linie mit sich selbst 
stellt, sie für tiefer stehende Wesen ansieht, die man ähnlich, wie die 
Thiere, als Sachen, nicht als Personen, zu behandeln berechtigt sei: Ari- 
stoteles konnte die Sklaverei nur mit der Annahme vertheidigen, dals es 
Menschen gebe, die ihrer Natur nach keiner geistigen Thätigkeit fähig 
seien, und ebenso die neueren Verfechter derselben nur mit der Behaup- 
tung, dafs die Neger derjenigen Bildungsfähigkeit entbehren, welche es 
möglich mache, sie zur Freiheit und Humanität zu erziehen. 

Wie es aber die Gleichheit der menschlichen Natur in allen mensch- 
lichen Individuen ist, welche uns verbietet, andere zu verletzen, welche 
die Achtung ihrer Rechte von uns fordert, so beruht auch alle positive 
Fürsorge für andere, a31es Wohlwollen und alle Menschenliebe, auf diesem 
Motiv. Ihrem psychologischen Ursprung nach gründen sich alle wohl- 
wollenden Neigungen, wie David Hume und Adam Smith richtig er- 
kannt haben, auf die Sympathie: darauf, dafs die Äufserung fremder 6e- 



über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 31 

fühlszustände uns naturgemäfs anregt, sie innerlich nachzubilden und da- 
durch mit der Vorstellung dessen, was in anderen vorgeht, zugleich auch 
eine der ihrigen entsprechende Lust- oder Unlustempfindung zu erhalten. 
Aus dieser natOrlichen Sympathie erzeugt sich die Neigung, das Glück 
anderer Menschen zu fördern, sie vor Schmerz und Unglück zu bewahren, 
zunächst defshalb, weil man beide bis zu einem gewissen Grade als seine 
eigenen Zustände mitfühlt. Aber so lange sich das Wohlwollen gegen 
andere nur auf dieses natürliche Mitgefühl gründet, ist es nothwendig 
viel schwächer, als diejenigen Gefühle und Neigungen, welche auf den 
eigenen angenehmen und unangenehmen Erfahrungen beruhen, im Dienste 
des eigenen Wohls stehen, und es leistet diesen im CoUisionsfall keinen nach- 
haltigen Widerstand: Kinder und solche Personen, deren Menschenliebe 
nicht über die natürliche Gutherzigkeit der Kinder hinauskommt, sind im 
Grunde bei aller Liebenswürdigkeit groise Egoisten und keiner ernstlichen 
Opfer für andere föhig. Zur Charaktereigenschaft oder zur Tugend wird 
das Wohlwollen erst dann, wenn es sich mit dem Gefühl der Verpflich- 
tung verbindet; wenn die Fürsorge für andere nicht blos als eine Sache 
der Neigung behandelt wird, die als solche auch unterbleiben kann, son- 
dern als etwas für den Menschen als Menschen noth wendiges, durch seine 
Menschennatur gefordertes, etwas, durch dessen Vernachläfsigung er sich 
mit sich selbst, seinem eigenen Wesen, in Widerspruch setzen würde: 
wenn also, mit Einem Wort, in irgend einer Form das Bewufstsein ihrer 
sittlichen Nothwendigkeit vorhanden ist und ihr Motiv bildet. Dieses 
Bewufstsein kann uns aber nur daraus entstehen und seine Berechtigung 
kann sich nur darauf gründen, dafs die andern in ihrer geistigen Natur 
desselben Wesens sind, wie wir. So lange sich der Einzelne mit seinem 
Selbstgefühl und Selbstbewufstsein auf seine sinnliche Natur beschränkt, 
bezieht er auch in seinem praktischen Verhalten alles auf seine sinnlichen 
Zwecke, er findet daher nichts in sich, was ihn antriebe, sich das Wohl 
anderer Menschen nicht blos als ein Mittel für seinen eigenen Genufs und 
Vortheil, sondern selbständig zum Zweck zu setzen. Erst wenn es ihm 
zum Bewufstsein kommt, dafs er einer Thätigkeit und einer aus ihr ent- 
springenden Befriedigung fähig ist, welche über das blofse Sinnenleben 
hinausgeht, wenn es ihm Wünschenswerther erscheint, etwas an sich seihst 
WerthvoUes und Löbliches zu vollbringen, als in Bequemlichkeit und Sin- 



32 Zellbr: 

nengenufs zu leben, wenn ihm mit Einem Wort das Gefühl seiner höhe- 
ren, geistigen Natm* au%eht, wird er dieselbe Natur auch in anderen zu 
erkennen und zu achten im Stande sein. Wie wir uns nur solchen ge- 
genüber rechtlich verpflichtet flihlen, die wir als Personen uns selbst 
gleichstellen, so fühlen wir auch eine moralische Verpflichtung nur denen 
gegenüber, denen wir als Menschen die gleiche Natur zuerkennen, wie 
uns selbst: das Wohlwollen gegen andere beruht auf der Anerkennung 
der Gleichartigkeit ihrer Natur mit der unsrigen, und es dehnt sich eben- 
defshalb von den engeren Verbindungen, auf die es anfangs beschränkt 
ist, von der Familie, den Freunden, den Stammesgenossen, den Mitbür- 
gern, in demselben Mafs auf immer weitere Kreise und schliefslich auf 
die ganze Menschheit aus, in dem das Bewufstsein von der natürlichen 
Gleichartigkeit aller menschlichen Individuen sich erweitert. Alle die 
Züge aber, die wir als gemeinsame Eigenthümlichkeiten unserer Gattung 
betrachten und die uns veranlassen, andere uns selbst gleichzusetzen, 
führen auf die geistige Seite der menschlichen Natur zurück. Wir sehen 
unsere Mitmenschen nicht defshalb für ünsersgleichen an, weil wir vor- 
aussetzen, dafs sie die gleichen Wahi*nehmungen , die gleichen sinnlichen 
Lust- und Schmerzgefühle, die gleichen körperlichen Bedürfhisse und Be- 
gierden haben, wie wir; — alles dieses schreiben wir ja auch den Thie- 
ren zu; — sondern weil wir annehmen, sie seien ebenso, wie wir, durch 
ihre Natur befähigt, vernünftig zu denken und mit freier Selbstbestim- 
mung zu handeln, sich in ihren Zwecken und Interessen Über das Sinn- 
liche und das blos Persönliche zu erheben, die Wahrheit zu suchen, sich 
des Schönen zu erfreuen, und ebendefshalb auch die verwandten Ele- 
mente unseres Wesens zu verstehen und mitzufühlen. Wie die Versitt- 
lichung unseres eigenen Lebens darauf beruht, dafs wir den geistigen 
Bestandtheilen desselben im Vergleich mit den sinnlichen den höheren und 
allein unbedingten Werth beilegen, so beruht auch das sittliche Verhalten 
zu andern darauf, dafs wir sie als Wesen anerkennen, die ihrer geistigen 
Natur nach uns selbst gleich und gleichberechtigt seien, und dieses bei- 
des fällt in der Wirklichkeit nicht auseinander; denn einerseits dienen 
uns gerade die Wahrnehmungen, welche wir im Verkehr mit anderen 
machen, dazu, uns den Unterschied des Geistigen vom Sinnlichen und 
den Vorzug des ersteren vor dem letzteren zum Bewufstsein zu bringen, 



' • • ) 



c 



■^ Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze, 33 

andererseits ist es doch nur unsere eigene innere Erfahrung, welche uns 
^ in den Stand setzt, ihre GemQthszustände und Beweggründe zu verste- 

hen, indem die Äufserungen derselben uns veranlassen, sie innerlich nach- 
zubilden und nach Analogie der unsrigen zu deuten. Mag daher auch 

■ 

jedem ein gerechtes, wohlwollendes und uneigennütziges Verhalten ande- 
rer Menschen gegen ihn zuerst nur defshalb gefallen, weil es ihm selbst 
angenehm und vortheilhaft ist, so befähigt und nöthigt ihn doch seine 
Vernunft, die Urtheile, welche zunächst aus seiner persönlichen Erfahrung 
\ geflossen sind, zu verallgemeinern, das, was er von anderen in ihrem 

Verhalten gegen sich verlangt, von jedem für sein Verhalten gegen jeden, 
und daher auch von sich selbst zu verlangen, es als eine allgemeine An- 
1 forderung der menschlichen Natur zu betrachten. 

Eben diefs ist es nun, was wir mit dem Namen der Pflicht be- 
1 zeichnen. Auch dieser Begriff drückt, wie der des Gesetzes, zunächst 

nicht eine natürliche und allgemeine, sondern eine auf einem bestimmten 

Verhältnifs zu anderen Personen beruhende Nothwendigkeit aus: wie ein 

Gesetz ist, was der Wille des Gesetzgebers verlangt, so ist eine Pflicht 

oder Verpflichtung die Leistung, die irgend jemand von uns zu verlangen 

berechtigt ist; und wie der Gesetzgeber von der Erfüllung des Gesetzes 

; entbinden kann, so kann auch der Berechtigte den Verpflichteten von 

4 seiner Leistung entbinden. Aber wie aus dem Begriff des positiven Ge- 

\, setzes der des allgemeinen Sittengesetzes hervorgeht, so auch aus dem 

der positiven Verpflichtung die einer sittlichen, von jeder Satzung unab- 
hängigen Pflicht. Wir haben auf Grund bestimmter Verhältnisse oder 
Verträge gewisse Verpflichtungen gegen andere. Aber worauf beruht es, 
dafs wir uns überhaupt verpflichtet fühlen, dafs Leistungen für andere 
nicht blos durch die Klugheit angerathen, sondern durch eine höhere 
Nothwendigkeit geboten, dafs sie eine sittliche Pflicht für uns sein kön- 
nen? Diefs kann, wie nachgewiesen wurde, in letzter Beziehung nur in 
der Einrichtung unserer eigenen Natur begründet sein. Wenn wir das- 
jenige logisch nothwendig nennen, was nach den Regeln des richtigen 
Denkens aus einer gegebenen Voraussetzung folgt, so nennen wir dieje- 
nige Handlungsweise sittlich nothwendig oder Pflicht, welche mit logi- 
^1 scher Nothwendigkeit aus der Voraussetzung hervorgeht, dafs der Mensch 

ein Vernunftwesen sei , dafs der geistige Theil seiner Natur im Vergleich 

■ Fhilos.-histor. Kl, 1882. Abb. IL 5 



^ 



34 Z £ L L £ R : 

mit dem sinnlichen nicht blos einen höheren, sondern allein einen unbe- 
dingten Werth habe. Je deutlicher der Einzelne diese Nothwendigkeit 
erkennt, um so höher steht seine sittliche Einsicht; je ausschliefslicher 
er sich in seinem Verhalten von dem Gefühl derselben bestimmen läfst 
(was auch bei mangelhafter Einsicht in hohem Grade der Fall sein kann), 
um so reiner sind seine sittlichen Motive. Die Pflichterfüllung erzeugt 
ein Gefühl der Befriedigung, weil bei derselben das thatsächliche Verhal- 
ten mit dem übereinstimmt, was dem Handelnden zur Erhaltung und 
Erhöhung seines persönlichen Werthes nothwendig erscheint, die Pflicht- 
verletzung, wenn man sich derselben als solcher bewufst wird, ein Ge- 
fühl der Unzufriedenheit mit sich selbst, das zu um so gröfserer Stärke 
anwächst, je greller der Contrast zwischen dem thatsächlichen Verhalten 
und dem Werth ist, welchen der Handelnde der durch dasselbe verletz- 
ten Regel des Handelns beilegt; und diese Gefühle der moralischen Zu- 
friedenheit und Unzufriedenheit mit sich selbst, der Selbstachtung und 
Selbstverachtung, sind wesentlich verschieden von denen der Hoffnung 
und der Furcht, welche sich mit dem Gedanken verbinden, dafs man 
einem fremden Willen, von dem man sich in irgend einer Beziehung ab- 
hängig fühlt, genügt oder zuwidergehandelt habe. Seinen letzten Grund 
hat dieser Charakter der sittlichen Gefühle eben darin, dafs die Gesetze 
des sittlichen Handelns aus der menschlichen Natur als solcher entsprin- 
gen, und nichts anderes ausdrücken, als die Bedingungen, unter denen 
unser Wollen eine Bethätigung unserer geistigen Natur, unserer Vernunft 
ist. Die Kenntnifs dieser Gesetze ist uns daher zwar allerdings nicht in 
dem Sinn angeboren, als ob die Sätze, in denen sie sich ausdrücken, 
oder irgend ein allgemeinster Grundsatz, auf den sie alle sich zurückfüh- 
ren lassen, jedem Menschen von Hause aus bekannt wären oder unmit- 
telbar durch innere Anschauung bekannt würden. Sondern in demselben 
Mafse, wie unser geistiges Leben sich entwickelt und sein Werth uns zum 
Bewufstsein kommt, werden wir uns auch der Anforderungen bewufst, die 
sich daraus für unser Verhalten ergeben; und wenn wir nun das, was 
wir in dieser Beziehung zunächst in der Behandlung der einzelnen Fälle 
und der konkreten Verhältnisse als das richtige erkannt haben, in der 
Form rechtlicher und sittlicher Grundsätze zusammenfassen, so sprechen 
wir damit nicht eine vor der sittlichen Erfahrung schon feststehende 



Über Begriff und Begründung der sittlichen Gesetze. 85 

Wahrheit aus, sondern wir geben nur den Gesetzen, die uns zunächst durch 
die Thatsache des sittlichen Lebens bekannt geworden sind, einen allge- 
meingültigen Ausdruck. Wer mit dieser Thatsache ganz unbekannt wäre, 
wer niemals moralische Antriebe empfunden, nie die Qualen des schlech- 
ten, die Seligkeit eines guten Gewissens erfahren hätte, dem wären die 
Vorschriften des Moralphilosophen ebenso unverständlich, als es die Re- 
geln der Logik dem sind, dessen Denken, die der Ästhetik dem, dessen 
Geschmack verwahrlost ist, und Aristoteles hat insofern nicht Unrecht, 
wenn er verlangt (Eth. N. I, 2. 1095 6 4 u. ö.), dafs man erst zu einem 
sittlichen Menschen erzogen sei, ehe man sich mit der wissenschaftlichen 
Betrachtung der sittlichen Aufgaben beschäftigt. Aber weil es sich bei 
dieser Betrachtung nicht blos darum handelt, das thatsächliche Verhalten 
der Menschen zu beschreiben, sondern seine allgemeinen Gründe und Ge- 
setze zu erforschen und an ihnen den Masstab ftlr seine Beurtheilung zu 
gewinnen, ist die Ethik eine über die Erfahrung, als solche, hinausgehende 
Wissenschaft: ihre Sätze sind nicht der Ausdruck dessen, was irgendwo 
als Recht oder Sitte besteht, sondern der Forderungen, die als Normen 
der menschlichen Willensthätigkeit aus der Idee des Menschen hervor- 
gehen.